Preacher: Die erste Folge des neuen Serien-Hypes in der Kritik: Ein gottverfluchter Hit!

Tobias Heidemann 6

Es gibt da eine Szene, ziemlich am Anfang der ersten Folge der neuen, heiß gehandelten AMC-Serie „Preacher“, in welcher überdeutlich wird, womit wir es hier zu tun haben. Tulip O’Hare, ihres Zeichens Berufsverbrecherin und Scharfschützin, verabschiedet sich in diesem Moment von zwei vernachlässigten Kindern aus Texas. Die Beiden wurden kurz zuvor Zeugen, wie Tulip einen bösen Jungen mit einem Maiskolben ermordet hat, nur um danach einen Helikopter mit ein paar zusammengeklebten Blechbüchsen vom Himmel zu ballern. Verehrung und Bewunderung stehen den schockierten Kindern ins Gesicht geschrieben.  

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Auch wenn es diese Sequenz in der 1995er Vorlage von Garth Ennis und Steve Dillon in dieser Forn nie gegeben hat, so stellt sie doch das Verhältnis der Serienmacher Seth Rogen, Evan Goldberg und Michael Slovis zum adaptierten Comic sehr schön aus. Hier waren Menschen am Werk, die „Preacher“ tatsächlich ziemlich cool finden. Der Geist der zynischen Bibelgeschichte ist intakt geblieben.

 

Das liegt vor allem daran, dass das Kreativteam um Rogen die aberwitzigen Charaktere der Comicbuchvorlage scheinbar genau so liebt wie die Comic-Fans. So bekommt nicht nur das fragwürdige Vorbild Tulip eine liebevoll überzogene Einführung spendiert, sondern auch der Rest der unheiligen Dreifaltigkeit, um die sich diese himmlische Geschichte rangt.

Bei Cassidy wird Rogens, Goldbergs und Slovis´ große Lust an der Verbeugung besonders deutlich. Binnen weniger Sekunden lernen wir Cassidy als abgewichsten, irischen Dreckskerl kennen, der sich unerbittlich seinen mannigfaltigen Drogensüchten hingibt.

Wieder ein paar Sekunden später wissen wir dann auch schon, dass Cassidy ein ziemlich wehrhafter Vampir ist, da sich der Mann an dieser Stelle bereits blutüberströmt aus einem mit Vampirjägern besetzten Privatjet gestürzt hat, um in der Einöde von Texas als unappetitlicher Blutfleck zu landen.

Überdrehten Hommage-Szenen wie diesen ist die schelmische Freude an der Adaption des Comics förmlich anzumerken. Und diese Freude ist es letztlich auch, was „Preacher“ von den leider komplett misslungenen Vertigo-Adaptionen der jüngeren Vergangenheit ( „Lucifer„, „Constantine„) angenehm abhebt.

Preacher: Ton getroffen, Vorlage kapiert

Gleichzeitig hat „Preacher“ aber auch genug kreativen Eigensinn, um sich an den richtigen Stellen von der Vorlage zu verabschieden. Figuren werden neu angeordnet, das Fantastische zwecks Anpassung an das Fernsehpublikum etwas zurückgeschraubt und kulturelle Kontexte, die 2016 nicht mehr funktionieren würden, werden kurzerhand durch neue ersetzt. So sehen wir zum Beispiel auf einem Fernseher die Meldung, dass der Kopf des Scientologen Tom Cruise soeben explodiert ist. Das passt zu „Preacher“ und aktualisiert den Comic elegant.

Auch bei der Hauptfigur zeigt „Preacher“ bisher größtmögliches Fingerspitzengefühl. Dominic Coopers erste Predigt als der vom Glauben abfallenden Jesse Custer ist eine gelungene Gradwanderung zwischen dem bissigen Humor und der moralisch-religiösen Ernsthaftigkeit der Vorlage.

Zwar scheint es den Showrunnern bisher etwas leichter zu fallen, die humoristischen Töne von Jesses´ Odyssee zu treffen, doch auch das moralische Dilemma von Gottes verlorenem Sohn wird mit zwei zentralen Szenen gut aufbereitet. Allerdings wittert man hier und da auch die Gefahr, dass Seth Rogen & Co sich etwas zu sehr auf die Over-the-Top-Momente und die überbordende Gewalt des bissigen Comics verlassen, um ihre Geschichte zu erzählen. Ohne den harten Kern, ohne Jesse Custers profunden Zorn auf Gott, wird „Preacher“ auf Dauer kaum funktionieren können.

Und so bleibt aktuell nur zu hoffen, dass sich diese bislang sehr unterhaltsame Serie in den kommenden Folgen ein kleines bisschen weniger auf den bösen Humor und die verrückten Faustkämpfe verlässt (wir haben gleich drei sehr ausführliche Sequenzen in der ersten Folge gezählt), und sich dafür etwas mehr den anderen Tugenden der Vorlage zuwendet. „Preacher“, das sollte unbedingt auch in der TV-Version ein düsterer Spätwestern mit fantastischen Elementen sein, der uns unter schallendem Gelächter in den Schlund der Hölle und wieder zurück schickt. Nach allem was wir bisher gesehen haben, hat „Preacher“ durchaus das Zeug dazu. Nicht verpassen!

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rating8

Preacher - Staffel 1- Deutscher Trailer.

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